Videokonferenz: Sie sehen sich. Und wer sieht Ihre Daten?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: 26. März 2020 um 18 Uhr 09 Minutenzum Post-Scriptum

 

Vorbemerkung:

Die zu diesem Zeitpunkt publizierten Aufzeichnungen, Links und Nutzungshinweise haben ein so breites Echo, so viele Nachfragen und weiterführende Hinweise ausgelöst, dass diese diesem Beitrag auch nach dem Datum der Erstveröffentlichung Zug um Zug hinzugefügt wurden. Dennoch bleibt all dies "Stückwerk".
Die nachfolgenden Aufzeichnungen erheben werder den Anspruch auf Vollständigeit noch auf fortwährende Gültigkeit: Das betrifft sowohl die Adressen und Dienstleistungen der Anbieter selber als auch deren Bereitschaft, diese - auch auf Dauer - kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
WS.

I. Zum Stand der Dinge

Bei uns im Büro steht noch viel Hardware aus dem Hause logitech herum. Auch für Videokonferenzen. Aber nicht alles kann mehr genutzt werden, da einige der Gerätschaften spätestens seit der Installation von Windows 10 Pro 64 bit mit diesem Betriebssystem nicht mehr kompatibel sind [1].

Auf der Webseite des Hauses wird die Hardware als Bundle mit mehreren Software-/Dienste-Providern angeboten:

- Google Cloud

- Microsoft

- Zoom [2].

Von all den gesichteten Darstellungen, die von Vertriebsseite publiziert wurden, wird der umfangreichste Hintergrundartikel aus dem Kölner Hause Placetel - inzwischen von Cisco aufgekauft - zur Verfügung. gestellt. Bei allem legitimen Interesse, damit und darin auch die eigenen Angebote zu promoten, gibt dieser Online-Text für Newbies eine gute Einstiegslektüre:

- Videokonferenzen
Komplette Übersicht mit Auswahlkriterien und Anbietern in 2020

Oder man schaut in der einschlägigen Fachliteratur nach. Unter Punkt II. gibt es eine Übersicht mit einer Reihe von Testberichten. Hier vorab als pars pro toto dieser Link auf die Publikationen im Heise-Verlag:
https://www.heise.de/thema/Videokonferenz

II. Was ist Sache

Man kann sich das Leben und die Suche der im Anschluss ausführlicher dargestellten Systeme dadurch einfacher machen, dass man sich - um sich für die Entwicklung der eigenen Kriterien zu qualifizieren - zunächst mal die Testergebnisse aus einschlägigen Quellen anschaut, wie zum Beispiel diese hier [3]:

- Videokonferenzen im Vergleich
Die 13 besten Videokonferenz Anbieter im Test 2020

- 11 Videokonferenz-Tools nicht nur für kleine Gruppen

- Übersicht kostenloser Web- und Videokonferenz-Software

- Die vier besten kostenlosen Web- und Videokonferenz-Tools

- Best paid video conferencing software at a glance

- The Best Video Conferencing Software for 2020

III. Was ist mit den Nutzer- und Nutzungs-Rechten?

Aber in den meisten er hier dargestellten Anwendungs-Szenarien gibt es keine zuverlässige Auskünfte darüber, was mit den Nutzer- und Nutzungsdaten geschieht, die im Verlauf einer solchen Anwendung generiert werden - bzw. was nicht. Mehr noch: Der Hessische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit hat erklärt, dass weder für die Google- noch für die Apple-Clouds-Anwendungen "für Schulen die datenschutzkonforme Nutzung derzeit nicht darstellbar" sei und der "Einsatz von Microsoft Office 365 an Schulen [...] datenschutzrechtlich unzulässig [sei], soweit Schulen personenbezogene Daten in der europäischen Cloud speichern".

Unter diesem Gesichtspunkt sind eine Reihe weiterer Dienste zunächst ausgeschlossen sind, die auf eigenen Protokollen jenseits der H.323-Welt aufgebaut sind, wie zum Beispiel

- Amazon Chime

- FaceTime

Hangouts Meet von Google dagegen behauptet, mit SIP- und H 323 Standards über die Pexip Google Hangouts Meet interoperabel zu sein.

- Slack

Andererseits ist aber auch zu berichten, dass sich zur Zeit im Hochschul- und Forschungs-Umfeld dennoch viele solcher Systeme US-amerikanischer Herkunft im Einsatz befinden wie:

- Microsoft Teams
Siehe dazu den Eintrag: Marketing-Masche oder Margen-Management? [4] [5]

- Cisco WebEx
Siehe dazu den Punkt P.S. II.2. in dem Eintrag: No Show? Frei - Wild - Online... statt im Funkhaus

- Adobe Connect
Dieser Dienst wird zum Beispiel als Adobe Connect im DFN, im Deutschen Forschungsnetz zum Einsatz gebracht.

In all diesen Fällen handelt es sich um bereits etablierten Anwendungs-Szenarien, die auch für eine spezifische in-group an die aktuellen Datenschutzbestimmungen angepasst wurden, die aber nicht sogleich auch für die o.g. Anwendergruppen geöffnet werden können.

IV. No-Go-Beispiele

Siehe dazu dem P.S.-Vermerk II.2. auf der Seite: No Show? Frei - Wild - Online... statt im Funkhaus
Siehe dazu den Beitrag aus der Zeitschrift c’t des Heise-Verlages über das Cisco-System "Jabber Guest":Bayerischer Innenminister bespricht Corona-Krise in ungeschützter Videokonferenz [6]

Zuvor gab es schon aus dem gleichen Hause ein Warnung vor den VK-Systemen
Team, Room, Passport und Networker aus dem Hause LifeSize: Videokonferenzsysteme erlauben Zugriff per Default-Account

V. Angebote unter dem Dach der Telekom Deutschland

Und in der Testphase befinden sich auch Telekom-Angebote:

Als Einstieg wurde die URL der Seite Managed TelePresence ausgewählt. Am unteren Ende dieser Seite wird ein Link mit der Zeile Jetzt anfangen angeboten, der aber - zumindest bei der Vorbereitung und beim Aufschreiben dieses Textes - ins Leere führte.

Weitere Hinweise finden sich auf der Seite: Business Konferenzen (Telefon- und Webkonferenz). Und eine von diesen ist auch bereits in Erprobung. Aber Obacht: in wohl allen Fällen ist die DTAG Mittler zu den bereits genannten US-amerikanischen Diensten, aber auch einigen in Deutschland ansässigen wie "intrado"

VI. VSME’s und Selbständige: Was geht (nicht)?

Für diejenigen, die sich jetzt aufgrund der aktuellen Notlage erstmals mit Lösungen beschäftigen, ist dieses ein wahrlich ungünstiger Startpunkt. Denn auf der einen Seite versuchen gerade jetzt die Anbieter mit allerlei Marketingaufwand neue potenzielle Kunden sich sich binden zu können. Andererseits ist derzeit der Satz gültiger denn je, dass in der Not der Teufel Fliegen frisst... will sagen, die NutzerInnen froh sind, überhaupt einen Dienst(leister) zu finden, der noch erschwinglich - oder nach wie vor sogar ’gratis’ - ist, wohl wissend, dass man für diese zumeist angebotene Art der Nutzung dennoch seinen Preis bezahlt: mit seinen Daten.

Nun gibt es aber Berufe und Berufsgruppen, für die sich diese von selber verbietet:
In der Lehre und Forschung, im gesamten klinischen und medizinischen Umfeld, bei Anwälten, Geistlichen und all jenen Personengruppen, die derzeit als "betriebsnotwendiges Personal der kritischen Infrastruktur und der Grundversorgung" eingestuft worden sind - wozu nach Auskunft der Berliner Bildungsverwaltung derzeit auch die JournalistInnen gehören.

VII. Hinweise von fachlicher Seite

Einen guten Einstieg zur Information über die möglichen Lösungen für diese Anforderungen gibt es auf den Webseiten eines sogenannten "Datenschutzbeauftragten":
Videokonferenz-Tools: Tipps zur Auswahl und Verwendung

in dem es ganz klar heisst:

Grundsätzlich sollte ein Anbieter aus Deutschland oder dem EWR bevorzugt werden, da bei Auftragsverarbeitern aus einem sog. Drittland zusätzlich zu prüfen ist ob ein angemessenes Schutzniveau besteht.

Aber Achtung. Auch hinter den Autoren dieses Artikels stecken ein Reihe von JuristInnen und weiteren MitarbeiterInnen der " intersoft consulting services AG", die gerne auch "Expertise für Journalisten" verkaufen möchten.

Apropos Journalisten. Für diese Berufsgruppe wurden bei der Recherche diese beiden Erfahrungsberichte gefunden:

- Der Blog: Journalisten-Tools.de mit einem speziellen Artikel zu der Frage: "Welche Video-Konferenz-Lösung ist besser: Webex, GoToMeeting oder Teamviewer? " [7]

- Der Blog Rufposten beschreibt eine Anwendung für Journalisten mit den Partnern UBER SPACE und Nextcloud. [8].

Der Deutsche Journalistenverband nutzt schon seit längerer Zeit das System von
- LogMeIn [9] und bietet dazu auch Schulungen an.
Die nächste, exklusiv für Mitglieder, am 25. März 2020: Webinare und Netzkonferenzen selbst anbieten=2487] [10].

VIII. Die Qual der Wahl

Auch diese Liste ist weder vollständig, noch sind diese - in vielen Fällen auch im Heise-Verlag angezeigten - selber erprobt worden.

- avilano
Videokonferenz-Software

- Bravis
Videokonferenz

- Discord

- GoToMeeting
von Citrix Systems

- Ekiga

- IceWarp
FREE BETA Face to face conference calls

- OpenMeetings 3.0.7

- QuteCom (WengoPhone)

- Nextcloud Talk:
Screensharing, online meetings & web conferencing without data leaks.

- SessionLinkPro

- SessionLinkPRO
Ein Browser-basiertes High Quality Audio/Video-Konferenzsystem, das über herkömmliche Breitband-Internetverbindungen arbeitet.

- Wildix Videoconference WebRTC WIZYCONF

- ZOHO Remotely springt wie auch andere auf den Corona Bandwagon auf und erklärt dass das Bundle bis zum 1. Juli 2020 kostenlos zur Verfügung stehe.

IX. DSGVO-kompatible Anwendungen

Die nachfolgenden Liste ist noch provisorisch und wird sich in den nächsten Tagen noch verändern, vielleicht auch erweitern [11]:

- A1 Digital mit "eyeson"

- alfaview® Video Conferencing Systems: Kostenfreie Videokonferenzplattform für Schulen, Hochschulen und soziale Einrichtungen

- Blackboard: Wir unterstützen Sie, wenn es um Datenschutz-Compliance geht

- Blizz von TeamViewer: ist Ende-zu-Ende verschlüsselt

- SKRUMBLE offering what they call a SECURE ENCRYPTED MESSAGING ECOSYSTEM [12]

- Spreed Online Meeting

- Wire: DSGVO-konforme Gesprächs- und Videokonferenzen

- XPERTyme

Was wir bereits oben für den journalistischen Bereich angesprochen hatten, gilt noch viel unmittelbarer für den medizinischen Sektor. So wird in den Praxisnachrichten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung vom 16. März 2020 erklärt, dass nunmehr im Umfeld des Themas Coronavirus: Videosprechstunden unbegrenzt möglich seien. Und zum 25. März 2020 wird diese Liste der ZERTIFIZIERTE(n) VIDEODIENSTEANBIETER veröffentlicht. Und auch an dieser Stelle als PDF zur Einsicht vorgehalten:

Zertifizierte Videodienstanbieter (25.03.2020)

X. Was ist (noch) zu tun?

Dieses ist nur ein allererster Überblick, der weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf die Glaubwürdigkeit der darin zitierten Angebote erhebt.
Aber er zeigt schon jetzt, dass es Alternativen gibt zu den GAFA (Google, Amazon, Facebook, Apple) Angeboten. Und dass es sich mit Sicherheit lohnen wird, den hier Genannten genauer auf die Spur zu kommen.
Die aktuelle Krise ist auch eine Chance dafür, dass die Digitalisierung wieder etwas an Notorietät von dem gewinnt, was man ihr einst als Vision einer neuen Kommunikations-Welt gerne angedichtet hätte.

P.S.

Vielen Dank für die vielen weitergehenden Hinweise, die ebenso wohlmeinenden wie kritische Ergänzungen... die darin aufgeworfenen Fragen und Antworten werden am besten exemplarisch an den folgenden auch öffentlich zugänglichen Beitragen erkenntlich:

- In diesem Heise-online-Kommentar von Moritz Förster in den hier verlinkten Zeilen hinter diesem Titel einzusehen sind: Microsoft und Slack schlagen aus der Krise schamlos Kapital.

Microsoft und Slack tun das, was solche Anbieter immer tun: Sie definieren selbst ein Problem, das ohne ihre Dienste angeblich nicht lösbar wäre. Dabei existiert es gar nicht. Und trotzdem stoßen sie auf weit geöffnete Ohren: So tief verwurzelt ist der Glaube an das nächste Tool mittlerweile, dass Mitarbeiter dieses aktiv einfordern.

- In dem mit "Lieber Wolf" überschriebenen "ada.brief.aus.der.zukunft"- Beitrag von Miriam Meckel & Team vom Sonntag, den 22. März 2020 in dem es eingangs heisst:

"Ein Virus kennt keine Moral", heißt ein Film von Rosa von Praunheim über die Aids-Epidemie in den Achtzigerjahren. Für Technologie gilt dasselbe. Sie ist immer nur der Erfüllungsgehilfe der Nutzer*innen. Nie war es so wichtig, sie sinn- und nutzenstiftend einzusetzen. Dann sorgt sie im besten Fall für mehr Solidarität und weniger Individualismus, mehr Idealismus und weniger Materialismus, mehr Wir und weniger Ich.

- In dem von Manfred Kloiber am Samstag, den 21. März 2020 moderierten "Computer und Kommunikation"- mit Piotr Heller geführten Gespräch berichtet dieser u.a. von einem Gespräch mit der Cisco-Firma WebEX:

Was gerade passiert ist beispiellos. In den betroffenen Regionen sei die Zahl der Anmeldungen für den Dienst um siebenhundert Prozent gestiegen - in den letzten zwei Monaten. Und die Nutzung hat sich innerhalb der letzten zwei Wochen verdoppelt.

Stresstest: Das Internet und die zusätzliche Belastung durch die Corona-Krise

- Netzkonferenzen werden NICHT die absolute Zukunft sein. Die Leute sehnen sich schon jetzt an ihren Arbeitsplatz und den persönlichen Dialog mit anderen zurück. Aber sich werden sich als zusätzliches Tool etablieren.

- YouTube macht den Verkauf von Web-Konferenzen als kostenpflichtige Dienstleistung mehr oder weniger zunichte. Dabei bieten einige Systeme, wenn auch zumeist kostenpflichtig, solche Abrechnungsmodule mit an, sind aber nicht der Renner. Dennoch: Als unabhängiges Kommunikationstool für peer-groups ist eine solche Konferenzschaltung nach wie vor von grossem Nutzen.

Anmerkungen

[1Auf der oben als Link zitierten Webseite wird der Claim ausgegeben: "DESIGNING FOR SUSTAINABILITY " unsere Berichte haben uns aber immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass Anspruch und Wirklichkeit eben weit auseinanderklaffen können. Und das nicht nur heute. Hier ein Bericht vom 23. Februar 2012: "-[>3825]"

[2Aber gerade Zoom ist - bzw. war - datenschutzrechtlich eine Katastrophe. Wie es dazu kam und wie damit umgegangen wurde, dazu zu Beginn des Jahres
- eim Securitiy Bouelward - Bericht von Michael Vizard vom 26. Januar 2020
Check Point Reveals Zoom Video Hack
- dieser ZDNet - Bericht: Zoom fixes security flaw [...] .
Merke: Die Tatsache, dass dies das derzeit führende System in den USA ist, ist allein noch kein Grund, es dann auch hier in Europa bedenkenlos zu verwenden. Mehr dazu gerne auf Anfrage über den Feedback-Button auf der Seite rechts.

[3Aus TeilnehmerInnenkreisen einer Webkonferenz kam auch der Hinweise auf diese Rechstanwaltskanzlei von - Dr. Thomas Schwenke.

[4Hier der Hinweis aus dem Hause des "Binärwaren"-Supports: danach legt Teams in kürzester Zeit im Cache viele Gigabytes von Datenmengen ab und müssen danach immer wieder händisch gelöscht werden. Ein "no go" für viele Nutzer, deren SSD’s mit gerad mal 250 GB ausgestattet worden seien.

[5JPEG

[6In diesem Zusammenhang auch zu empfehlen, der - hinter eine Paywall eingestellt - Artikel von Jan Bender:
Schluss mit „Hallo, hört ihr mich?“
Telepräsenz-System individuell zusammengestellt
.

[7Dieser Beitrag stammt aber aus dem Janr 2015 und nimmt nicht auf die Fragen des Datenschutzes Bezug.

[8Dieser Beitrag ist nicht nur für Nerds interessant, aber die Umsetzung der Vorschläge setzt schon ein Mindestmass an EDV-technischer Kompetenz voraus.

[9Bei mehr als 25 Teilnehmern wird der Chat abgeschaltet, da die Gefahr besteht, das zu viel traffic im Netz ist...

[10Das System soll laut Auskunft eines Mitglieds auch gut für Linux-Nutzter im Ramen der "Playonlinux" - Software geeignet sein.

[11Und an dieser Stelle sei auch schon mal Dank gesagt für die Beiträge aus dem Kreise der LeserInnen - Merci! WS.

[12... sind in Deutschland u.a. Partner von Bertelsmann.


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