DLR: Das Ende eines Zeitpunkt-Mediums?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Montag Letzte Bearbeitung: vor 5 Stunden

 

0.

Am Ende der letzten Woche waren wir mit der Reihe von Reflexionen für die Denkfabrik des DLR an einem wichtigen Punkt, vielleicht sogar an einem Wendepunkt, angekommen: All die bis dahin aufgezeichneten Beobachtungen basierten auf einem linearen Radio-Hör-Erlebnis: Entweder man ist gerade zugegen, bereit und in der Lage, einen Beitrag zu hören, oder man ist es eben nicht. Nachgehört wurden die Beiträgen, bislang nur, um sie nochmals im Zusammenhang mit diesen Aufzeichnungen vorstellen und gegebenenfalls auf diese verlinken zu können.

Aber funktioniert Radio noch so?

1.

Einerseits ja. Mit einer gar nicht mehr bemerkten aber doch immer wieder zu bewundernden Präzision gelingt es, Beiträge und Kommentare, Einspieler und Moderationen so gut aufeinander abzustimmen, dass man mit dem Programm immer recht-zeitig zu den Nachrichten zur halben und zur vollen Stunde rechtzeitig fertig ist.

Andererseits nein. Dass dem so ist, darauf verweisen zahlreiche Umfragen und Statistiken, wonach bereits heute in der Altersgruppe der 14- bis 29-Jährigen schon heute die On-Demand-Nutzung höher ist als der des linearen Angebotes. Und dass sich diese Aussagen zunächst ja "nur" auf des Fernsehen beziehen und dass sie nicht die "Ü50"er Zielgruppen betrifft, ist nur ein wahrlich schwacher Trost.

2.

Sind die Zeitzeichen zur vollen Stunde nicht längst ein Anachronismus, weil sie je nach Ausspielweg (UKW, DAB+, Internet, Satellit) zeitversetzt beim Hörer ankommen? Hat das Radio damit als zeitlicher Lotse durch den Tag ausgedient? Liefert die zeitsouveräne Nutzung von Audio-Inhalten im Netz nicht neue Möglichkeiten, neue Freiheiten bei der Gestaltung eines linearen Programms, dessen Dramaturgie?

fragt der SWR-2-Mann Wolfram Wessels in seinem DOKUBLOG über Lineares Radio in nonlinearen Zeiten

3.

Auf die Frage von Ludwig Ring-Eifel in der Medienkorrespondenz von vor einem Jahr:

Schauen wir mal etwas weiter in die Zukunft. Wird es in zwanzig, fünfundzwanzig Jahren überhaupt noch lineares Fernsehen und linearen Hörfunk als Massenmedien, so wie wir es kennen, geben?

antwortete Willi Steul:

Wenn ich die Zukunft präzise voraussagen könnte, dann würde ich jetzt vom 1. September an ein ganz hoch bezahlter Berater im Mediengeschäft sein. Ich kann ihnen das nicht voraussagen. Ich persönlich bin davon überzeugt, dass es die lineare Ausspielung, so wie wir sie kennen, weiterhin geben wird. Aber zunehmen wird die zeitunabhängige Nutzung, also dass man sich in Mediatheken nach den eigenen inhaltlichen und zeitlichen Vorstellungen bedient. Wir sehen diesen Trend im Fernsehen ganz deutlich. Radio ist stärker als Fernsehen ein Begleiter, wobei die musikgestützten Massenprogramme inzwischen auch die Konkurrenz von Spotify und iTunes spüren. Aber bei den anspruchsvollen Programmen des Deutschlandradios werden wir trotz einer wachsenden Nutzung von Podcasts und Downloads vor allem die lineare Nutzung haben.

4.

Aber wenn jetzt zum Beispiel die Kindersendung "Kakadu" nicht mehr täglich ausgestrahlt, sondern stattdessen als Podcast vorgehalten werden wird, ist das nun ein Fortschritt oder doch ein Rückschritt?

In der von der ARD in Auftrag gegebenen DIW-Studie über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in einer konvergenten Medienwelt wird noch 2017 auf Seite 147 festgehalten:

Erstens ist nicht garantiert, dass seitens der privaten Anbieter überhaupt hinreichendes Interesse an der Produktion und Ausstrahlung des ausgeschriebenen Programms besteht. Insbesondere könnten die öffentlich geförderten Programme (beispielsweise Kinderprogramm, anspruchsvolle Fernsehjournalistik) als Fremdkörper im ansonsten kommerziell ausgerichteten Programm untergehen oder gar nicht gesendet werden.

Sic!

Um die bisherigen Diskussionen um dieses Thema in dieser einfachen - vielleicht sogar zu sehr vereinfachenden - These zusammenzufassen lautet die Position so:

Der Versuch, mit der Verlegung von linearen Programmbeiträgen in den non-linearen Sektor Kosten zu sparen, ist fatal. Er konterkariert massiv jeglichen - noch so ehrlich und engagierten Versuch - auf diesem Wege den zentralen Themen, die das Publikum beschäftigt, einen neuen Wert beimessen zu wollen.

5.

Und wenn das nicht schon schlimm genug wäre, so ist dieser Ansatz, das Richtige aus dem falschen Gründen machen zu wollen, vergleichbar mit dem Logau-Zitat anno 1872 "In Gefahr und grosser Noth // Bringt der Mittel-Weg den Tod."

Burkhardt und Hachmeister haben schon vor bald einem Jahrzehnt das "Ende der Rundfunkpolitik" beklagt. [1]. Und als Quittung dieser Entwicklung wird jetzt sogar schon nach dem Ende des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks gerufen.

Und dafür könnte sogar die bereits zitierte ARD-Auftrags-Studie in Anspruch genommen werden, in der es auf den Seiten 149f. heisst:

Tatsächlich sind die Quantifizierung der von öffentlich finanzierten Public-Value-Inhalten ausgelösten
externen Effekte sowie die empirische Analyse des Zusammenhangs zwischen Reichweite und Wirkung anspruchsvoll und augenscheinlich auch nicht exakt möglich.

Um also auch diesen Zusammenhang - ebenfalls zu sehr verkürzt - auf den Punkt der bringen: Der Aufruf des Intendanten zur Mitwirkung an der "Denkfabrik" ist zugleich ein Notruf aus einer Anstalt, die sich nicht mehr aus eigener Kraft an ihrem Schopf aus dem Sumpf der Argumentation um den Wert des public value zu ziehen.

Zu guter Letzt:

Denk ich an den Deutschlandfunk in der Nacht: "Wir sind das Volk" - dieser Ruf hat einst die DDR ins Wanken gebracht. Aber ob es jetzt uns, den Hörerinnen und Hörern an unserem Empfängern, zugemutet werden kann, mit unseren Vorschlägen und Beiträgen das Radio aus dessen selbst zu entschuldender Welt des linearen Denkens herauszuführen?