DLR: Wider das Vergessen

VON Dr. Wolf SiegertZUM Freitag Letzte Bearbeitung: vor 7 Stundenzum Post-Scriptum

 

0.

In diesem nunmehr neunten Beitrag geht um all das und um all jene, die allzu schnell unter den Tisch des Vergessen fallen.

1.

Wir haben bisher immer (nur) von den drei "Wellen" des Deutschlandradios gesprochen. Und dabei ganz bewusst diesen Begriff der Sende(r)welle nochmals aus der Versenkung heraus geholt, um damit diskret und leise an die Geschichte des Radios - und seiner Verbreitungstechnik (siehe dazu zum Beispiel den Beitrag IFA: Abschalten vor dem Start ) - zu erinnern.

Und wir haben die aktuellen Sender in eine unausgesprochene Art von Hierarchie eingefügt, in der der Platz eins vom Deutschlandunk besetzt wird, der Platz Zwei von Dlf Kultur, der Platz drei von Dlf Nova. Und in der der Platz vier, der bislang immer noch unterschlagen worden war, mit DLF24.

2.

Wir hatten in einem früheren Beitrag in dieser Reine vorgeschlagen, die sogenannte "landig page" des Deutschlandradios für diese vier "Wellen" zu nutzen, um auf diese gesuchten Schwerpunkt-Themen näher einzugehen. Vielleicht zeichnet sich aber auch eine Alternative ab, die bereits in dem Format von DLF24 vorgegeben wird.

Dort gibt es nämlich eine Rubrik DLF24 VERTIEFT. Und anstatt - ohne diese Anspruch wirklich erfüllen zu können - auf die 24 Stunden eines Tages zu rekurrieren: Wie wäre es, wenn man sich auf DIE 24 THEMEN bezöge, die das alltägliche Leben immer wieder bestimmen. Und in denen jene Grossen Themen eingebunden sind, die von uns HörerInnen bis Mitte des Monats vorgeschlagen werden (sollen).

3.

Im unteren Teil der URL der Denkfabrik werden schon drei aus diesen 24 Themen angesprochen:

— "Erzählen in den Medien" im Kölner Kongress 2018

— "Kölner Forum für Journalismuskritik", dem Jahres-TüV für das Informationsgeschäft.

— "Sportkonferenz im Deutschlandfunk", die Siebente vom 9. November 2017

Allein die Hinweise auf diese drei Veranstaltungen - und deren ausführliche und qualifizierte Dokumentation - zeigt, dass es dem Sender weder an Themen noch an Material mangelt, sondern dass er in Ermangelung der eigenen dramaturgischen wie finanziellen Qualitäten in einer ebenso engagierten wie letztendlich doch um Hilfe rufenden Geste darum bemüht, mittels seines Publikums die "Quadratur des Kreises" zu finden.

4.

Der eigene Versuch, sich dieser Herausforderung im Verlauf dieser zwei Wochen zu stellen zeigt, wie schwer dies ist. Ja, wie schwer es ist, überhaupt herauszufinden, was hinter dieser Einladung zum Dialog mit dem Publikum überhaupt steckt: Die versteckte Hoffnung nach der Erlösung durch die crowd-intelligence?

Die Gegenfrage an all jene, zumeist weit über Normal-Lohn-Niveau finanzierten StelleninhaberInnen in diesem Haus: Wie soll das funktionieren, solange es diese Art von Dreiklassen-Gesellschaft gibt: die Festangestellten, mit immer noch vergleichsweise gut finanzierten Stellen, den stellungslosen Freien, denen finanziell immer mehr das Wasser abgegraben wird, und uns, den HörerInnnen, die sich mit ihrem Engagement, ihrem Wissen und ihrer Würde dafür einsetzen, herauszufinden, was der Sender ihrer Meinung nach machen sollte.

5.

Ja, es kommt beim Schreiben all dieser Beiträge schon der Verdacht auf, ob es vielleicht nicht doch ein heimliches Schielen auf einen ökonomischen Vorteil sei, der dazu eine Motivation gibt, dieses "Sommerloch" mit diesen kursorischen und vielleicht letztendlich doch wichtigen Beiträgen zu füllen. Und dabei sogar jene Ansprüche zu formulieren und zu erfüllen, denen sich der Sender selber (noch) nicht einmal bewusst ist.

Was also tun? Sich Sparrings- und potenzielle Bündnis-Partner suchen, mit denen diese Frage informell weiter vorangetrieben werden kann. Wer eignete sich dafür besser als die beiden vorangegangenen Intendanten des Hauses: Herr Dr. Willi Steul und Herr Prof. Ernst Elitz?!

Ob deren alte Mail-Adressen noch funktionieren werden? Wir werden es herausfinden und herausfinden wollen. Denn eines ist sicher: Der Blick zurück und der Blick von aussen sind zwei der wichtigsten Parameter, um die Weichen für die Zukunft zu stellen, von der immer behauptet wird, dass wir sie nicht vorhersehen könnten.

Aber vielleicht können wir aus dem, was wir bislang übersehen haben, zumindest heraushören, was unsere Zukunft sein wird: die Gegenwart von Morgen, im Rückspiegel der Erfahrung unseres mit Neugier betankten Kraftfahrzeugs.

P.S.

Hier die Stellungnahme des Jubilars Gerd Ruge, der am 9. August seinen 90. Geburtstag in München feierte. Auf der Online-Seite des WDR, aus der dieses nachfolgende Zitat entnommen wurde, ist Ruge am Zugfenster des "Transsib", der Transsibirischen Eisenbahn, zu sehen. Womit erneut auch die eigenen Erfahrungen - im direkten Sinne des Wortes - angesprochen werden, da diese Strecke schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts von der VR China aus über Moskau bis nach Berlin befahren wurde.

Aber hier nun das Zitat, dessen letzter Satz von der Redaktion herausgehoben wird, da dieser offensichtlich auch das Anliegen der Intendanz des Deutschlandradios zum Ausdruck bringt:

„In dieser Periode weltpolitischer Krisen, die von Umbrüchen und Unsicherheit geprägt ist, erscheint mir die Rolle einer unabhängigen journalistischen Berichterstattung als besonders wichtig. In den Jahren des Kalten Krieges, des Zusammenbruchs der Sowjetunion, der vom Vietnamkrieg und der Bürgerrechtsbewegung geprägten Sechzigerjahre in den USA und schon zuvor in Titos Jugoslawien und angesichts der Spannungen des Koreakrieges - an all diesen Schauplätzen habe ich die Arbeit für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk als Möglichkeit gesehen, komplex und in die Tiefe gehend zu berichten. Heute verfolge ich mit Interesse die Entwicklungen der digitalen Medien: Sie eröffnen neue Möglichkeiten. Wichtig erscheint mir, dass weiterhin Sendungen wie beispielsweise der „Weltspiegel“ in den Programmen ihren Platz haben. Neben der schnellen Nachricht muss auch heute vernünftiger Hintergrundjournalismus gewährleistet sein.“


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