Der Journalismus in Zukunft ein "öffentlich rechtlicher Rundschrieb"?

VON Dr. Wolf SiegertZUM Dienstag Letzte Bearbeitung: 7. November 2012 um 13 Uhr 48 Minuten

 

0.

Nachfolgender Text ist weder ein Bericht noch ein Kommentar, sondern allenfalls ein Versuch über eine Position nachzudenken, die am 5. November 2012 als eine Position des Deutschen Journalisten-Verbandes zum Auftakt des Verbandstreffens den Mitgliedern und der Öffentlichkeit zu Gehör gebracht wurde. [1] [2] [3]

Die Position lautet: Wenn alle Stricke reissen, muss Journalismus von hoher Güte und geringer wirtschaftlicher Verwertungstiefe von Dritter Seite mitfinanziert werden. Und zwar nicht nur von Stiftungen, sondern auch aus Steuergeldern. Also in ein System eingebunden, das ebenso funktionieren könne wie das des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Im Verlauf der nachmittäglichen Diskussion werden eine ganze Reihe von Argumenten vorgetragen, die diese Position zu stützen bemüht sind: Vor allem die Qualität der Schreibe und die Erhaltung des Gedruckten waren die zentralen Pole, um die sich die meisten dieser Argumente rankten.

Alles Thesen, die man durchaus vertreten mag und diskutieren sollte: und dass sich die Vertreterinnen dieser Position den Fragen von gleich drei jungen männlichen Kollegen stellten, war ein durchaus gelungenes Setting um klar zu machen, dass hier eine wichtige Fragestellung über die Grenzen der Geschlechter und der Generation hinweg zur Diskussion und zur Disposition stand.

1.

Und dennoch bleiben die Bedenken, die noch während der Diskussion in einem elekronischen Brief stehen, der an einen Kollegen gerichtet wird: „[…] die stellv. Vorsitzende Kaiser hat erklärt, dass man den Qualitätsjournalismus ggf. auch wie die Öffentlich-Rechtlichen (mit-)finanzieren sollte. Das will mir nicht in den Kopf.“

Darauf kommt postwendend die folgende Antwort, die da lautet:
„Ich denke, da liegt Frau Kaiser nicht ganz falsch.
Immer, wenn – bei uns hier in Deutschland – der Staat Grundversorgungen wie Wasser, Strassen, Energie, Netze ins Private entlässt, wird es nicht besser, sondern nur teurer für die Verbraucher.
Guten Journalismus halte ich für eine solche Grundversorgung, daher finde ich es richtig, ihn mit öffentlich-rechtlichen Mitteln zu sichern.“ [4]

3.

Also wird hier der Versuch unternommen, über das durch diese Argumente nicht ausgelöscht Unbehagen weiter nachzudenken – und zu fragen: Warum soll dem klassischen Journalismus ein anderes Schicksal widerfahren als den Einwohnern all jener Inseln, die aufgrund steigender Fluten noch in diesem Jahrhundert aus ihrer Heimat vertrieben sein werden?

Mag sein, dass man die Folgen der Umweltzerstörung nicht in einen unmittelbaren Zusammenhang setzen kann mit dem Schicksal jener, die als Folgen einer mentalen Umweltzerstörung aus ihrer geistigen Heimat vertrieben sein werden. Und dennoch: Das Problem, das hinter diesen aktuellen Entwicklungen zu stecken scheint, ist das Problembewusstsein einer qualifizierten, verantwortungsbewussten Elite, die ihrer Zukunft zu Recht keiner Zukunft mehr abzugewinnen in der Lage ist.

Es ist wie im Umweltbereich: Wir alle sind bemüht, uns gegen die Zerstörung der Lebensgrundlagen der Menschen zu engagieren und wissen doch schon, dass diese Bemühungen nicht für ein gedeihliches Überleben ausreichen werden. Im journalistischen Bereich ist es nicht viel anders. Nachdem die meisten der Verleger den Verlockungen des Internets erlegen waren – und damit glaubten auch noch fortschrittlich gehandelt zu haben –, wird nun deutlich, dass in dieser neuen Technikwelt der Geist von Print und die damit verbundenen Leseprivilegien nicht mehr erhaltend bleiben werden.

Es ist so, wie es schon zu Zeiten der Erfindung des Automobils war: Inzwischen hat das Knattern der Motoren längst das Klapperns der Hufe übertönt, aber die Transportmittel haben immer noch die Gestalt einer Droschke. Die neuen Zeiten sind längst angebrochen, aber die Auswirkungen derselben haben immer noch nicht die symbolhaften Relikte der alten Zeit aus dem Markt verdrängen können. [5]

Auch heute noch leben – und lieben – wir Print. Das Rascheln des Papiers, das Umblättern einer Seite, ist immer wie ein Augenzwinkern der Ewigkeit, die uns weissagen will, dass wir ihr durch das Festhalten eines Gedankens, eines Kommentars ein klitzekleines Schnippchen geschlagen haben. Wozu aber soll man heute noch etwas „getrost nach Hause tragen“ wollen, wo all das Gesagte schon längst in der Cloud verewigt ist – und damit allgegenwärtig abrufbar und haltbarer als jedes Tagesblatt, das alsbald im nächsten Papierkorb verschwunden sein wird.

4.

Die Perspektive von allem „Content in the Cloud“ ist dabei ebenso ein Wolkenkuckucksheim wie die These von der Gleichsetzung, die da lautet: Print = Qualität versus Digital = Ramsch. Auch wenn so manche Vermutung dafür sprechen mag, da jeder und alle heute in der Lage sind, sich als Autoren und Fotografen, als Kameraleute und Kommentatoren zu betätigen. Der Zugang zu den Online-Medien ist –idealiter – nicht mehr mit den gleichen Zugangs- und damit Qualitätskontroll-Barrieren verknüpft wie das in den Zeiten des klassischen Verlagsgeschäftes der Fall war. Aber die Flucht ins Internet mag für die Autoren eine Befreiung gewesen sein, für die Verlage ist sie ein Zwang ins Unausweichliche, das viele neuen Chancen zu offenbaren schien – ausser denen, auf diesem Wege auch neue Erlöse zu generieren – mit den Inhalten der von ihnen verpflichteten Urheber.

Der Kampf um die Qualität, so die Aussagen auf dem Verbandstag, müsse doch auch im Interesse der Verlage sei. So wie auch BMW und Mercedes in ihrer Konkurrenz um Marktanteile sich unablässig um die Verbesserung der Qualität ihrer Fahrzeuge bemühen würden. Aber nein. Die Verlage würden verschlanken und deprofessionalisieren und die sozialen Netze zum Anlass nehmen, neue Quellen für weniger Geld zu finden und zu vermarkten.
„Qualitätsjournalismus“, so schreibt Ulrike Kaiser, „hat seinen Preis. Er erfordert Investitionen. In Aus- und Weiterbildung, in Arbeitsbedingungen. Aber Qualitätsjournalismus kostet nicht nur; er bringt es auch: Glaubwürdigkeit, Profil, Image als wichtiges Kapital für die Medien; Wissen, Information, Orientierung für die Gesellschaft, für den Einzelnen.“

Und wie?

Neben den Stiftungsmodellen, denen für die Zukunft allenfalls die Möglichkeit eingeräumt wird, „sporadisch einzuspringen“ oder als Ergänzung funktionieren zu können, werden zwei klassische Modelle gegenübergestellt:

„Das privatwirtschaftliche Modell (Medienunternehmen verkaufen redaktionellen Inhalt an Publikum und/oder Werbung) wird auf lange Sicht führend bleiben. Die Unternehmen müssen mit ihren Kernkompetenzen das Publikum überzeugen und (wieder)gewinnen. Expansion und Experiment um jeden Preis kann genauso ins Auge gehen wie Einsparen um jeden Preis.“
„Das öffentlich-rechtliche Modell (die Gesellschaft finanziert durch Gebühren, Steuern oder Haushaltsabgaben ein der Allgemeinheit verpflichtetes Medium) ist – trotz Drucks der Politik und Privatwirtschaft – bewährt im Rundfunk.“

Und die These lautet: „ Sollte der private Markt versagen und eine umfassende Information der Gesellschaft in Gefahr geraten, könnte das öffentlich-rechtliche Modell auch für andere Medienbereiche Pate stehen.“

5.

Könnte? Sollte? Müsste?

Es ist gut, dass sich so bewährte Kräfte dazu aufraffen, über den Horizont der aktuellen Aufgaben hinauszuschauen und selbst dann nach Perspektiven Ausschau zu halten, wenn diese wie an dieser Stelle gleich wieder als geradezu unmöglich verworfen werden.

Aber über die Aufgabe, für eine „umfassende Information der Gesellschaft“ Sorge zu tragen, streiten sich heute schon die Vertreter an der öffentlich-rechtlichen Front auf der einen und der „Privaten“ auf der anderen Seite. Und sie tun das schon seit Beginn der 80er Jahre, als das Kabelfernsehen eingeführt wurde und mit ihm den Verlegern die Chance eingeräumt, selber ihr eigenes TV-Programm auf die Beine zu stellen.

Aber heute, 30 Jahre später, sind auch Markus Schächter vom ZDF und Jürgen Doetz vom VPRT längst dicke Freunde geworden, die sich vor ihren letzten Auftritten bei den Münchner Elefantenrunden am Abend zuvor noch in Zorn trinken mussten, damit ihnen am nächsten Tag die ihnen zugewiesene feindschaftliche Haltung noch abgenommen werden konnte.

Heute ist es mit der Tagesschau-App wie mit dem Symbol der Droschke, die längst motorisiert – spricht digitalisiert – ist und die nur noch als Vorwand gilt für Scheingefechte. Die „Schlachtfelder“ sind längst woanders. Und Deutschland schon lange nicht mehr der Nabel der Welt. Und alle Versuche, eine europäische Alternative zur Google-Dominanz zur Disposition zu stellen, gescheitert.

Dummerweise werden, während dieser Text formuliert wird, Resolutionen verabschiedet, in denen die Verleger dazu aufgefordert werden, nicht nur ihren wirtschaftlichen Interessen den Vorzug zu geben, sondern – eben auch – der Qualität in ihren Publikationen. Es scheint, dass auch der Verband selber noch lernen muss zu internalisieren, was er als plakative Forderung gerne in den Vordergrund stellt.

PS.

Da es in dieser Publikation keinen moderierten Kommentar-Blog gibt, sei an dieser Stelle mit Dank und Anerkennung auf die vielfältigen und vielschichtigen Reaktionen auf diesen Text reagiert.

Dabei war dieser Text in dieser Form zunächst nur als Entwurf - in statu nascendi - eingestellt, sodann aber sofort als Gegenstand der Diskussion aufgegriffen, so dass er jetzt in dieser vorläufigen Gestalt auch stehenbleiben wird. Das "letzte Wort" wird dazu noch lange nicht gesagt worden sein.

PPS:

Im Verlauf des dritten Verbandstages wurde dieses Thema nochmals zum Gegenstand der innerverbandlichen Diskussion. Wobei es schlicht nicht möglich war, hier ins Detail zu gehen.


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Aber es gab Vorschläge, dieses Thema in einer eigenen Projektgruppe nochmals aufzugreifen - oder/und am besten gleich zum Thema des Vorstandes zu machen.

Michael Konken: "Es geht darum, nicht die Verlage zu finanzieren, sondern den Journalismus zu finanzieren." Und: "Das war ein konstruktiver Verbandstag. [...] Wir müssen den Journalismus erhalten."

Anmerkungen

[1So, da haben wir schon den Salat: mit einem Satz wie diesem dürfte man niemals einen Artikel aufmachen. Zu lang, zu wenig Futter, keine Trigger.

[2Dazu macht Ralph Bauer am 5. November 2012 auf der Online-Seite des Bayerischen Journalistenverbandes mit dem Titel auf:
DJV-Verbandstag 2012
Konken denkt über öffentlich-rechtliche Finanzierung von Printmedien nach
DJV-Vorsitzender regt zu einer interessanten Debatte an
.

[3Und auf der Online-Seite des berliner Landesverbandes wird mit dem Titel aufgemacht:
Konken erwägt Staatsfinanzierung von Zeitungen.

[4Und weiter: „Damit meine ich weder, dass öffentlich-rechtliche Medien von Hause aus immer besser sind und auch nicht, dass es dann keines privat finanzierten Journalismus mehr bedarf. Und der allerbeste Journalismus, im Sinne journalistischer Qualität, der kommt sowieso immer dort zustande, wo weder öffentlich-rechtliche Gremien noch privat finanzierte Quoten darüber entscheiden, sondern wo Instinkt, Gelegenheit, Handwerk und Durchhaltevermögen aufeinander treffen und er dann – wie auch immer - tatsächlich realisiert werden kann.“

[5Auch hier mag die Anmerkung „schiefes Bild“ mancher KollegInnen angebracht sein – sei’s drum. In den Gesprächen zu diesem Thema kam diese nicht ganz statthafte Gleichsetzung immer gut an – weil sie auf bekannte Bilder Bezug nimmt.


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